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Martin Burri arbeitet multidisziplinär. Das gewählte Medium ist dabei zweitrangig – ob darstellende Kunst in Performance und Theater, bildende Kunst, Malerei oder Film. In seiner visuellen und narrativen Praxis nutzt er die Fiktion nicht zur Weltflucht, sondern als Werkzeug, um an den verschwimmenden Grenzen zwischen Fiktivem und Dokumentarischem eine tiefere Wahrheit offenzulegen. Damit greift die Arbeit die Frage auf, was in einer digitalisierten und reizüberfluteten Gegenwart als „real“ einzuordnen ist.
Entscheidend ist der Dialog: das wahrzunehmen und zu thematisieren, was der Künstler wie ein Seismograph in der Welt aufspürt. Dieses Vorgehen verweist auf ein anthropologisches Ur-Bedürfnis nach Narration und Sinnstiftung, das seit den ersten Höhlenmalereien vor 30.000 Jahren besteht. Im Zentrum steht das Erahnen eines unaussprechlichen Mysteriums durch die unmittelbare Begegnung mit Menschen oder der Natur.
Durch das Fehlen starrer Konzepte eröffnen sich doktrinfreie Dialogräume für einen direkten, erfahrungsbasierten Zugang des Publikums. Als weitestgehender Autodidakt arbeitet Burri unbeeinflusst von vorgegebenen Mustern.
Akademischer Beginn, Darstellende Kunst, Performance-Theater und erste malerische Ansätze
Im Wintersemester 1999/2000 begann Burri das Studium der Anglistik und Philosophie an der Universität zu Köln. Zeitgleich absolvierte er im Rahmen des Studium Generale das Ausbildungsprogramm der Studiobühne und Filmwerkstatt, gefolgt von der Mitwirkung an Inszenierungen und internationalen Festivals des Theaters.
Zu Beginn der 2000er-Jahre bildeten die darstellenden Künste einen zentralen Schwerpunkt in Martin Burris multidisziplinärem Schaffen.

Er war ein Teil der Performance-Gruppe Amorphe Masse unter der Leitung von Lars Goethe. In der im Kölner Arkadia uraufgeführten Theaterperformance „Von weißen Engeln und schwarzen Teufeln“ übernahm er die Hauptrolle der Superhelix – das Resultat einer radikalen Wandlung von der säkularisierten Gentechnikerin zur vollendeten Exogenese. Das Stück war eine düster-groteske Dystopie um Bioethik, Neokolonialismus und religiösen Wahn.


Es folgte die Theaterperformance „Suchtgesuchter“ und deren spätere Verfilmung, in der Burri die Hauptrolle des Jägers übernahm. Als Allegorie auf die suchende Menschheit irrt die Figur durch einen metaphorischen Wald, verliert sich auf der Sinnsuche in Scheinwelten sowie Ersatzobjekten und wandelt sich dabei vom „Sinnsuchenden“ zum „Suchtgesuchten“. Die Dramaturgie verläuft nicht chronologisch, sondern verschachtelt sich traumartig um die zentrale Wald-Sequenz. Uraufgeführt wurde die Performance auf dem Festival Licht. im Schloss Wahn (Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln). Darüber hinaus bespielte die Gruppe Amorphe Masse im Rahmen von Live-Performances verschiedene Orte der Kölner Innenstadt. Die Premiere der Filmfassung erfolgte schließlich in der Aula II der Universität zu Köln.
Das malerische Frühwerk von 1999, das in seinem Atelier in Köln-Ehrenfeld entstand, steht im Wechselspiel mit Burris späteren Arbeiten. Zu dieser Zeit organisierte Burri auch private Ausstellungen.


Die dort erprobten Prinzipien – serielle Rechteckstrukturen, geschichtete Farbräume und reduzierte Chiffren – entwickeln sich in späteren Werken zu haptischen, opaken Gefügen weiter. Das Wechselspiel zwischen geometrischer Feldaufteilung, schemenhafter Figur und prozesshaftem Farbauftrag zieht sich als konstantes formales Element durch das gesamte bildnerische Werk.
Szenischer und dokumentarischer Film sowie Public Art
2001 entstand im Workshop „Dokumentarfilm für Fortgeschrittene“ unter der Leitung von Karl Friedrich Baumgärtel in der Filmwerkstatt der Universität zu Köln Burris erster dokumentarischer Kurzfilm Kerzenschein.




Die Arbeit porträtiert zwei junge Menschen auf der Suche nach Selbstbestimmung abseits gesellschaftlicher Anpassung und familiärer Gewalt. Im Zentrum steht der spürbare Widerspruch zwischen Wunsch und Realität: Während Michi und ihr Partner Rollo im städtischen Raum feststecken, formulieren sie die Sehnsucht nach einem eigenen Ort – einem Resthof auf dem Land, einer freien Fläche ohne äußere Vorgaben.
Den Schlusspunkt seiner Theaterphase setzte die Produktion Pandora Revolution (Ensemble Aversion, Regie: Lars Rupert Vincent von Goethe, u. a. aufgeführt in der Brotfabrik Berlin). In dieser radikalen Dekonstruktion von Goethes Pandora-Fragment übernahm Burri die Rolle des Prometheus.



Das Stück zerlegte den klassischen Stoff in eine groteske, schizoid-verfremdete Performance aus Schrei, Tanzpantomime und Tafelschriften im Zwielicht. Nach dieser Produktion entschied sich Burri, die Arbeit am Theater zu beenden und seinen Fokus wieder vollständig auf den Film zu richten.
Mit dem szenischen Kurzfilm „dass endlich etwas passiert„ (2004, 8 Min., MiniDV) vertiefte Burri seine filmische Erkundung urbaner Entfremdung. Vor der Kulisse des nächtlichen Berlins verschmelzen die inneren Monologe dreier isolierter Frauen zu einem Gedankenstrom über Passivität, moderne Sehnsucht und das Warten auf Veränderung. Das Werk feierte seine Premiere auf der 39. Werkstatt der Jungen Filmszene in Wiesbaden.
Als Artist in Residence im Unperfekthaus Essen erweiterte Burri sein Schaffen um performative Interventionen im öffentlichen Raum.


Dazu gehörten Aktionen in der Essener Innenstadt, bei denen rituelle Elemente wie Klangschalen und Rhythmusinstrumente in den kommerziellen Alltagsraum – etwa vor Fast-Food-Filialen und Einkaufsstraßen – eingebracht wurden. Es folgten Videoinstallationen in den Räumlichkeiten des Unperfekthauses.
Kultureller Austausch, Stipendien und Dokumentarfilme in Polen
2004 folgten Recherchereisen nach Polen als Vorbereitung für weitere dokumentarische und szenische Arbeiten. Burri entschied sich schließlich für die Stadt Krakau, um dort tief in die polnische Kultur und das Leben einzutauchen.
2005 erhielt Burri ein Künstlerstipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit dem Verein Villa Decius und der Kulturstiftung der Länder. Dies ermöglichte eine tiefe Auseinandersetzung mit der jüngeren deutsch-polnischen Geschichte und der Frage, ob Grenzen in den Köpfen der Menschen überwunden werden können, sodass sich kulturelle Identitäten in einem vereinten Europa frei entwickeln.
2006 präsentierte Burri seine Installationen und Kurzfilme in der Galerie für zeitgenössische Kunst „Bunkier Sztuki“ (einer städtischen Kulturinstitution Krakaus) im Rahmen des Programms „Młoda niemiecka scena filmowa„.
Im Jahre 2008 realisierte Burri den Dokumentarfilm „Edyta – Was ist Europa?“ Die Premiere erfolgte im Rahmen der 4. Krakauer Literaturtage homines@urbani.com im Goethe-Institut Krakau. Die Academia Baltica nutzt Martin Burris Dokumentarfilm „Edyta – Was ist Europa?“ als festen Bestandteil ihrer Bildungsarbeit sowie im Seminar „EUphorie oder EUphobie?“ (2009), um die Entstehung europäischer Identitäten und das Überwinden nationaler Grenzen zu vermitteln. Im Rahmen der deutsch-polnischen Soziologie-Konferenz „Polenorientiert. Warum interessieren sich Deutsche für Polen?“ an der Universität Warschau (2011) wurden Martin Burris Dokumentarfilme „Edyta – Was ist Europa?“ und „Szczecin“ gezeigt und diskutiert. Die Werke dienten den Teilnehmenden aus Wissenschaft und Kultur als visuelle Diskussionsgrundlage für Fragen der Identität, des urbanen Wandels und der deutsch-polnischen Beziehungen auf Mikro- und Makroebene.








Inhalt des Films: „Edyta, eine junge Studentin, geht für ein Erasmussemester nach Krakau. Aufgewachsen ist Edyta in einem kleinen Dorf in Oberschlesien. Als sie acht Jahre alt war, ging ihre Familie nach Westdeutschland. Eine der ersten Sachen, die sie dort kennenlernte, war Capri-Sonne – „die bunte Capri-Sonne“. Nun möchte sie schauen, ob sie auch in Polen leben könnte.„
Burri spielte die Hauptrolle in dem Kurzfilm „The Absolute Truth of Thomas Schviefel“ (2009, 21 Min.).




Das Werk – eine Symbiose aus Fantasy und Science-Fiction – entstand als Regie-Kollaboration zwischen Joaquín Del Paso und Lucy Pawlak an der Filmhochschule Łódź (PWSFTviT). Der Film feierte internationale Erfolge und wurde unter anderem auf der SEMINCI (Semana Internacional de Cine de Valladolid) sowie auf weiteren internationalen Filmfestivals und Kurzfilm-Screenings präsentiert.
2010 realisierte Burri im Rahmen eines Künstlerstipendiums seinen Dokumentarfilm „Szczecin“. Der Film ist ein Gemeinschaftsprojekt von JOE-Plattform Berlin e.V. und Klub Storrady Szczecin im Rahmen der Bewerbung Szczecins um den Titel “Europäische Kulturhauptstadt 2016”. Die Premieren erfolgten in Berlin und Stettin. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte in den USA im Bundesstaat North Dakota im Rahmen des Dakota Media Access. Im Rahmen des Stipendienprojekts erschien 2010 die Publikation mit beiliegender DVD „Szczecin / Stettin – Eine Aussensicht“ (Stowarzyszenie Klub Storrady, ISBN 978-83-61096-80-1).





Inhalt des Films: „Die sechsjährige Olga blickt aus der Ferne auf die Stadt, in der sie geboren wurde: Stettin. Ein polnischer Architekt erklärt das ungewöhnliche Straßennetz in Stettin, einer Stadt, die nach einem einzigen Gesamtplan gebaut wurde. Henryka, geboren 1935, träumt davon, in Stettin zu leben. Karina ist in Stettin aufgewachsen. Sie möchte der Stadt helfen, sich weiterzuentwickeln. Sie möchte in die Fußstapfen ihrer Großmutter treten…„
Fokussierung auf Bildende Kunst und Materialpoetik
Ab 2012 verlagerte Martin Burri den Schwerpunkt seines multidisziplinären Schaffens vordergründig auf die Bildende Kunst. In seiner Malerei und Structural Art führt er die Erfahrungen aus Theater, Performance und Film in haptische, vielschichtige Materialgefüge über. Seine Arbeiten bewegen sich an den Schnittstellen von Materie, Haptik und Imaginärem, um in einer digitalisierten Gegenwart raumgreifende, doktrinfreie Dialogräume zu schaffen. Die folgenden Werke sind beispielhaft.
Reflexion und Abstraktion: Die Erkundung verborgener Schichten
Mit dem Ölgemälde „Der verborgene Spiegel“ (2018) vertieft Martin Burri seine prozesshafte Auseinandersetzung mit den Themen Wahrnehmung, Reflexion und Sichtbarkeit.
![Der verborgene Spiegel [The Hidden Mirror] von Martin Burri](https://martinburri.com/wp-content/uploads/2026/08/Der-verborgene-Spiegel-1024x1024.jpg)
In traditioneller Öltechnik auf Leinwand entfaltet das Werk durch das Wechselspiel aus haptischem Impasto und lasierenden Schichten eine starke visuelle Spannung. Burri verzichtet bewusst auf einen zentralen Blickfang und zwingt die Betrachtenden zu einer analytischen Rezeption. Das Zusammenspiel aus geometrischer Strukturierung und gestischem Farbauftrag verweist formal auf Einflüsse des Informel und der europäischen Nachkriegsabstraktion. Es verdeutlicht Burris Grundsatz, Fiktion und Abstraktion nicht als Realitätsflucht zu nutzen, sondern als seismographisches Werkzeug, um verborgene Strukturen unter der leuchtenden Oberfläche freizulegen.
Erweiterung der Materialkunst: Organische Fragmente und Gedächtnisräume
Das großformatige Diptychon Gedächtnis (2024) markiert einen zentralen Entwicklungsschritt in Burris Schaffen hin zur erweiterten Materialkunst (Structural Art).

In diesem vielschichtigen Mixed-Media-Werk tritt das physische Material selbst als narrativer Träger in den Vordergrund. Neben gespachtelten Farbfeldern, freigelegten Untergründen und Blattgold-Akzenten arbeitet Burri reale organische Substanzen – wie getrocknete Blätter – direkt in die Farbschicht ein. Das Gegenüberstellen von geometrisch-rasterartigen Spachtelspuren und organischen Zerfallsprozessen thematisiert Vergänglichkeit, zeitliche Schichtung und das anthropologische Bedürfnis nach Sinnstiftung. Das Werk veranschaulicht, wie Burri die Leinwand von einer bloßen Bildfläche in einen haptischen Resonanzraum verwandelt.
Polychromie-Zyklus als ökologische Diagnose: Elemente als Abwesenheit
In der vierteiligen Serie Elemente als Abwesenheit (2026) führt Burri seine Materialästhetik zu einer konzeptionellen und gesellschaftskritischen Schärfung.

Der Polyptychon-Zyklus bricht radikal mit der klassischen Ikonographie der Vier-Elemente-Lehre: Anstatt Luft, Wasser, Erde und Feuer als generative Schöpfungskräfte zu inszenieren, übersetzt Burri phänomenologische Umweltkrisen der Gegenwart – von Dürren und toxischem Smog bis hin zu den Verheerungen der Sommer-Waldbrände von 2026 – in eine ungeschönte, haptische Bildsprache. Durch den bewussten Verzicht auf dekorative Veredelungen und den Einsatz von schwerem Impasto, Rohstoffen und Naturmaterialien verdichtet Burri die Thematik des ökologischen Entzugs zu einem sequenziellen Zustandsbericht, der eine rein ästhetisierende Betrachtung verweigert.